Summertime-Blues

Die Zeitumstellung muss weg! Zwei Mal im Jahr der Stress und Ärger, teilweise mehrere Wochen schlechterer Schlaf - das alles muss nicht sein. Wissenschaftlich lässt sich nicht nachweisen, dass es irgend einen relevanten Vorteil durch die Zeitumstellung gibt. Das konnte das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) nun in einem Arbeitsbericht darlegen. Ebenfalls wissenschaftlich nachweisen lassen sich hingegen die Nachteile, die durch die Zeitumstellung in Kauf genommen werden. Doch ändern wird sich leider so schnell wohl doch nichts ....

Den 212 Seiten starke Endbericht des TAB, der kürzlich erschienen ist, kann hier per Download bezogen werden:

https://www.tab-beim-bundestag.de/de/aktuelles/20160316.html. 

 

 

 

In der derzeit gültigen Richtlinie 2000/84/EG zur Regelung der Sommerzeit ist die Anwendung der Sommerzeit für alle Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft verbindlich und auf unbegrenzte Dauer festgeschrieben. Im Jahr 2007 stellte die EU-Kommission fest, dass "die Auswirkungen der Sommerzeit kaum ins Gewicht fallen würden und die Sommerzeitregelung nach wie vor angemessen" sei. Seitdem haben sich aber viele Rahmenbedingungen geändert, was der Anlass zu der aktuell abgeschlossenen Analyse des TAB gewesen ist. 

Die zusammengefassten Ergebnisse:

  • Energie: Minimale, zu vernachlässigende Effekte auf den Energieverbrauch in die eine und andere Richtung, wissenschaftlich äußerst fragwürdig und schwer eindeutig zu belegen.
  • Wirtschaft: Die Wirtschaftsbetriebe haben sich offenbar an die Umstellung gewöhnt und sie zur Routine gemacht, doch gibt es keine wissenschaftlichen Aussagen dazu.
  • Gesundheit: Langfristig anhaltende Störungen in den biologischen Rhythmen der Menschen sind wissenschaftlich nachgewiesen, insbesondere bei der Zeitumstellung im Frühjahr bei "späten Chronotypen" (Eulen), jedoch sind die Folgen weiterhin weitgehend unklar und offenbar nicht ernsthaft gesundheitsgefährdend. Das TAB weist auf neue Erkenntnisse seit 2007 hin, ebenso aber auf dringend erforderlichen zusätzlichen Forschungsbedarf.
  • Recht: Die Richtlinie 2000/84/EG müsste im Rahmen eines ordentlichen Gesetzgebungsverfahrens auf EU-Ebene geändert werden, um die Sommerzeit europaweit abzuschaffen, nationale Alleingänge sind nicht möglich. Die Änderung liegt allein im Ermessen der EU-Kommission und kann nur nach politischer und öffentlicher Debatte, nicht aber aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse erfolgen - die Chancen scheinen äußerst gering zu sein.

Die Energiekrise 1973 war der Ausgangspunkt für die (erneute) Einführung der Zeitumstellung im europäischen Raum. Im Jahr 1980 schloss sich Deutschland der Zeitumstellung an - doch nicht etwa, weil man Energieeinsparungen erwartete, sondern um mehr Einheitlichkeit im europäischen Raum zu erzielen. Erst 1996 war eine in der EU vollständig abgestimmte und einheitliche Situation erreicht und im Jahr 2000 durch die erwähnte Richtlinie für alle europäischen Staaten verbindlich festgeschrieben. Durch die riesigen sozioökonomischen, kulturellen und klimatischen Unterschiede in den europäischen Staaten ist jedoch keine "Einheitlichkeit" zu erreichen, Erfahrungen mit der Sommerzeit können nicht übertragen werden. 

In Bezug zum Energieverbrauch wird unter anderem darauf hingewiesen, dass sich die menschlichen Verhaltensmuster seit der Einführung der Sommerzeit substanziell verändert haben. Dies wird uns tagtäglich bestätigt, wenn von der 24/7-Gesellschaft die Rede ist. Und wir sollten unser eigenes Verhalten im Rückblick betrachten, um festzustellen, wie stark wir in der Zeiteinteilung und im Verhalten insgesamt flexibler geworden sind. Unser Verhalten hat nicht mehr all zu viel mit der Helligkeit des Tages zu tun, oder? Unsere Stromfresser, die Computer, Smartphones, Musikanlagen etc. sind rund um die Uhr in Betrieb. Die Beleuchtung geht hingegen inzwischen dermaßen sparsam mit der Energie um, dass sie nur noch einen vergleichsweise geringen Anteil am Verbrauch darstellt. 

Ein lustiges (oder trauriges?) Detail am Rande: Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft wies 2010 darauf hin, dass die Energieeinsparung bei der Beleuchtung durch erhöhten Strombedarf für abendliche Freizeitaktivitäten überkompensiert werde. Allerdings verwies man dabei auf eine 27 Jahre alte Studie. Der TAB-Bericht weist in dem Zusammenhang darauf hin, dass diese Studie aus dem Jahr 1983 zudem "fast in der gesamten Literatur fälschlicherweise mit um den Faktor 10 höheren Einsparungen zitiert wird, was vermutlich auf die Verwendung von Promille-Angaben zurückzuführen ist, die im Englischen unüblich sind." Peinlich für die Wissenschaft ...

Die Wirtschaft scheint äußerst wenig Interesse an der Frage der Zeitumstellung zu haben. Befragungen des TAB wurden weitgehend ignoriert, wissenschaftliche Untersuchungen sind nicht bekannt. "Man hat sich daran gewöhnt", ist eine typische Aussage aus den Kreisen der Interessenverbände im wirtschaftlichen Umfeld. Anfängliche Aufregung, beispielsweise aus der Landwirtschaft, die Probleme mit dem Melken von Kühen vorhersagten, ist bereits nach kurzer Zeit der Routine gewichen: Auch Kühe können sich, sofern sie in mehreren kleinen Schritten auf die neue Melkzeit eingestellt werden, schnell und problemlos umgewöhnen. Den Rest übernimmt die zunehmende Technisierung in der Landwirtschaft und auch in allen anderen Wirtschaftszweigen. 

Aber wie sieht es mit der Gesundheit des Menschen aus? Nach jeder Zeitumstellung haben viele Menschen kurzzeitig, ca. eine Woche lang Probleme mit dem ihnen aufgezwungenen neuen Rhythmus. Doch gibt es auch Langzeitfolgen? Im TAB-Bericht ist zusammenfassend zu lesen: "Während einige der circadianen Rhythmen (insbesondere der Schlaf-wach-Rhythmus) unmittelbar, sehr empfindlich und womöglich über die gesamte Sommerzeitperiode auf die Umstellung der »sozialen Uhren« reagieren, scheinen andere circadiane Rhythmen stärker vom natürlichen Zeitgeber Tageslicht gesteuert und weniger stark bzw. gar nicht von der Sommerzeit betroffen zu sein. Was dies für das Zusammenspiel der verschiedenen circadianen Rhythmen untereinander, also für das Funktionieren des gesamten circadianen Systems des Menschen, bedeutet, ist nach wie vor unklar." Und: "Obwohl die möglichen gesundheitlichen Auswirkungen der Sommerzeit (bzw. der Zeitumstellungen) eine – zumindest in Medien und Öffentlichkeit – stark diskutierte Thematik sind, gibt es bemerkenswerterweise nach wie vor nur sehr wenige evidenzbasierte wissenschaftliche Studien dazu." Die TAB-Forscher verweisen schließlich darauf, dass die zweimalige Zeitumstellung in einem Kalenderjahr im Vergleich zu der Schichtarbeit, die viele Millionen Menschen ertragen müssen, nur sehr unbedeutend sei. Die negativen gesundheitlichen Folgen von Schicht- und Nachtarbeit sind hinlänglich wissenschaftlich bewiesen - was soll man sich dann über die weitaus geringere Störung durch die Zeitumstellung aufregen? 

Mein Fazit:

Veröffentlichungen, die regelmäßig zum letzten Sonntag im März und letzten Sonntag im Oktober - den beiden Tagen, an denen um 01:00 Uhr Weltzeit die Uhrzeit umgestellt wird - erscheinen, sind reine Stimmungsmache. Sie füllen sinnlos die Zeitungen und Zeitschriften, denn eine Änderung wird es auf absehbare Zeit nicht geben können, weil das Interesse der Bevölkerung insgesamt zu gering ist und das europäische Gesetzgebungsverfahren jegliche Initiative zunichte machen würde. Eine Bürgerinitiative müsste europaweit 1 Million Unterschriften sammeln, um die EU-Kommission aufzufordern, sich mit dem Thema zu befassen - und auch dann könnte die Kommission noch ablehnend reagieren. Da sich außerdem die aktuellen Initiativen nicht einig sind, ob sie die dauerhafte Normalzeit oder die dauerhafte Sommerzeit erreichen wollen, ist die Aussichtslosigkeit bereits vorprogrammiert.

 

Übrigens: Dass dieser Beitrag in der ZeitSchrift erscheint, ist ebenfalls so zu verstehen: Aufmerksamkeit erzielen, kurzzeitige Aufregung erzeugen, in Suchmaschinen gefunden werden.

 

Karl-Hermann Böker

Redaktion "Die ZeitSchrift", TEMPI GmbH

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

TEMPI Gesellschaft für ganzheitliche Arbeitszeitberatung mbH

Karl-Hermann Böker

Hartlager Weg 61a

33604 Bielefeld


Fon: 05 21 - 45 36 18 1

Mobil: 01 78 - 17 30 75 7

Fax: 05 21 - 45 32 04 1

E-Mail: buero@tempi.de