Lerchen und Eulen

Es gibt Menschen, denen das frühe Aufstehen gefällt: Die „Lerchen“. Mit diesem Vogel, der besonders früh sein Trällern beginnt, werden diejenigen Menschen assoziiert, die auch ohne Wecker bereits um fünf oder sechs Uhr in der Frühe aufwachen und schnell munter werden. Sie sind meist die Partymuffel, weil sie am Abend ebenso früh müde werden und üblicherweise spätestens um 22 Uhr im Bett liegen und eingeschlafen sind. Lerchen leiden weniger unter dem frühen Beginn der Frühschicht als „Eulen“. „Eulen“ sind Menschen, die abends so richtig aufdrehen und selten vor Mitternacht im Bett liegen und schlafen. Diese Eigenschaft der „Eulen“ macht sie bestens geeignet für die Spätschichten und ansatzweise auch für die Nachtschichten. 

 

Wer auf Dauer im Schichtdienst arbeitet, setzt seine Gesundheit aufs Spiel. Experten plädieren für neue Schichtmodelle, die an die "Lerchen" und "Eulen" angepasst sind.

 

Der Wissenschaftsautor Dr. Peter Spork betitelt in seinem aktuellen, viel beachteten Buch „Wake up!“ ein Kapitel mit „Vom Ende der Schichtarbeit“ (Peter Spork: Wake up! Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft, Carl-Hanser-Verlag, München, 2014, www.wake-up-das-buch.de). Mit dem Blick auf die gesamte Forschung zu gesundheitlichen Auswirkungen von Schicht- und Nachtarbeit stellt er lapidar fest: „Wir sind nicht dafür gemacht, nachts zu arbeiten. Daran gibt es nicht mehr den geringsten Zweifel.“ Die inneren Rhythmen des Menschen werden insbesondere durch das Arbeiten in der Nacht gestört. Je häufiger man zu den Zeiten arbeitet, in denen der Körper Schlaf erwartet, desto stärker wird die innere Uhr mit falschen Signalen versorgt. Der Körper kann sich mit seinem Zeitgefüge nicht an die Arbeit in der Nacht gewöhnen. Im Gegenteil: Je länger man Nachtschichten in Folge leistet, desto stärker wird die Belastung. „Das macht auf Dauer krank“, bringt Dr. Spork dies kurz und knapp auf den Punkt, und er betont: „Chronischer Schlafmangel sowie Nacht- und Schichtarbeit gehören zu den größten Gesundheitsrisiken unserer Zeit.“ Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bereits vor rund zehn Jahren die Schichtarbeit mit Nachtschichtanteil als „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ eingestuft (siehe DGUV: Hiltraut Paridon, Sabine Ernst, Volker Harth, Peter Nickel, Annette Nold, Dirk Pallapies, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (Hrsg.): Schichtarbeit – Rechtslage, gesundheitliche Risiken und Präventionsmöglichkeiten (= DGUV-Report 1/2012). Berlin Februar 2012, ISBN 978-3-86423-022-6).

Inzwischen können Chronobiologen – also Wissenschaftler, die sich mit den menschlichen Zeitrhythmen befassen - mit neuen Erkenntnissen aufwarten. Zwar stimmen sie vorsichtig dem Alltagswissen zu, dass man sich nach mehreren Tagen Nachtschicht „daran gewöhnt hat“. Der zentrale Zeitmesser im Gehirn kann sich tatsächlich an einen veränderten äußeren Rhythmus anpassen. Dies trifft vermutlich nur bei einigen wenigen „Eulen“ zu. Doch Forschungsergebnisse der letzten Jahre zeigen, dass neben der Zentraluhr im Gehirn unzählige weitere Uhren im menschlichen Körper existieren. Jede Körperzelle verfügt demnach über ihr eigenes Uhrwerk. Diese Uhren werden zwar mit der Zentraluhr synchronisiert, jedoch hat das seine Grenzen. So konnte die Forschung feststellen, dass die einzelnen Organe unterschiedlich lange Zeit benötigen, um sich auf Zeitverschiebungen einzulassen. Durch das Arbeiten in der Nacht wird der Körper auf diese Weise auseinandergerissen, sozusagen desynchronisiert. Nichts passt mehr zusammen und so arbeiten die Organe nicht mehr koordiniert und nicht mehr dann, wenn sie gebraucht werden.

Doch nicht nur die Nachtschichten sind das Problem. Auch die Frühschichten sollten in den Blick genommen werden: Sie beginnen häufig um sechs Uhr oder noch früher, um dem morgendlichen Straßenverkehr zu entgehen oder um kürzere Nachtschichten zu erzielen. Für viele Menschen bedeutet dies jedoch, dass sie durch ihren Wecker viel zu früh geweckt werden; ihr chronisches Schlafdefizit vergrößert sich. In einem Projekt, das Frau Vetter und ihr Team in enger Zusammenarbeit mit Beschäftigten der ThyssenKrupp Electrical Steel GmbH durchführte, wurde ein neues Schichtmodell getestet. Lesen Sie dazu den ZeitSchrift-Artikel aus dem November 2015.

Trotzdem bleibt die Nachtschicht ein gesundheitliches Problem. Menschen, die über die gesamte Nacht topfit sind, und sich tagsüber in einem gesunden Schlaf erholen, gibt es nicht. Auch die extreme Eule wird in den frühen Stunden eines Tages müde, und wenn sie in dieser Zeit wach sein muss, um zu arbeiten und Leistung zu bringen, wird der Körper dies irgendwann einmal „zurückzahlen“.

Einzelne Störungen der inneren Uhr sind dagegen ungefährlich. Auch einige Jahre des Arbeitens in ungesunden Schichtsystemen mit rhythmischem Wechsel zwischen Früh-, Spät- und Nachtschichten verkraftet ein junger und gesunder Körper zunächst meist klaglos, doch kann dies die Grundlage für negative gesundheitliche Folgen sein. Man geht über den Daumen gepeilt davon aus, dass etwa nach zehn Jahren des Arbeitens gegen den Rhythmus des Körpers erste Krankheitssymptome ausbrechen. Diese können zudem sehr unterschiedlich ausfallen. Allgemein kann man davon ausgehen, dass zuerst die Organe erkranken, die sowieso schon geschwächt sind. Nach rund 20 Jahren erleiden die meisten Wechsel- und Nachtschichtarbeitenden schwere Krankheiten, etwa Depressionen, Herz-Kreislaufkrankheiten, Verdauungs- und Schlafstörungen etc. und sind nicht mehr arbeitsfähig. Auch ihr Privatleben ist dann meist extrem gestört.

Der Gesetzgeber könnte seinen Teil dazu beitragen, dass die Schicht- und Nachtarbeit „menschengerechter“ und damit gesünder wird. Aktuell fordert er: „Soweit keine tarifvertraglichen Ausgleichsregelungen bestehen, hat der Arbeitgeber dem Nachtarbeitnehmer für die während der Nachtzeit geleisteten Arbeitsstunden eine angemessene Zahl bezahlter freier Tage oder einen angemessenen Zuschlag auf das ihm hierfür zustehende Bruttoarbeitsentgelt zu gewähren.“ (§ 6 Abs. 5 ArbZG). Würde der Halbsatz, der auf einen „angemessenen Zuschlag“ als Ausgleich verweist, aus dem Gesetz gestrichen, müsste die Nachtarbeit durch Freizeit ausgeglichen werden, sofern es keine tariflichen Regelungen gibt. Die Tarifpartner sind ebenfalls aufgefordert, keinen finanziellen Ausgleich für Nachtarbeit zuzulassen; dies ist in einigen Tarifverträgen bereits umgesetzt.

Weitere Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass negative Folgen ausbleiben oder zumindest geringer werden, wenn dem Körper nach den Belastungen ausreichend Gelegenheit zur Erholung gegeben wird. Damit sind nicht die zwei oder drei freien Tage nach einer Folge von drei bis sieben oder mehr Nachtschichten gemeint. „Ausreichend“ ist eine Erholung erst nach mehreren Wochen. Sofern rechtlich zulässig, sollte in den Betrieben jeglicher finanzielle Zuschlag für Schichtarbeit in Freizeitausgleich umgewandelt werden. Dies schafft die Grundlage für ausreichende Erholung.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Zeitschrift "Arbeitsrecht im Betrieb", Ausgabe 05/2016, Bund-Verlag, Frankfurt am Main. www.bund-verlag.de 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

TEMPI Gesellschaft für ganzheitliche Arbeitszeitberatung mbH

Karl-Hermann Böker

Hartlager Weg 61a

33604 Bielefeld


Fon: 05 21 - 45 36 18 1

Mobil: 01 78 - 17 30 75 7

Fax: 05 21 - 45 32 04 1

E-Mail: buero@tempi.de