Flexible neue Arbeitswelt - Rezension

Flexible Arbeitszeiten gehören heute zum beruflichen Alltag. Dank Homeoffice oder mobiler Arbeit

vergrößern sich seit einigen Jahren auch die Freiräume bei der Wahl des Arbeitsortes. Auch steigt

die organisatorische Flexibilität, indem abwechslungsreiche Projektarbeit zunehmend gleichbleibende Routinearbeit ablöst.

 

Die Flexibilisierung der Arbeit bricht bisher fest gefügte berufliche Positionen auf. Sie führt dazu,

dass vielen Erwerbstätigen erhöhte Autonomie zugestanden wird. Im Gegenzug müssen diese mehr Verantwortung übernehmen. Die zuvor klaren Grenzen zwischen Angestellten und Selbstständigen brechen auf.

 

Vielen Arbeitnehmenden fällt es dank flexibler Arbeit leichter, ihr individuelles Leben zu gestalten.

Berufliche und private Anforderungen lassen sich besser vereinbaren. Das hat aber auch Schatten-

seiten, stellt es doch hohe Ansprüche an Disziplin und Selbstmanagement aller Beteiligten.

 

Die hier vorgestellte Studie umreißt Chancen und Risiken flexibilisierter Arbeit für die Erwerbstätigen. Außerdem werden absehbare Folgen für die Volkswirtschaft abgeschätzt und die rechtlichen Rahmenbedingungen beleuchtet.

Struktur und Inhalt des Buches

Im Einleitungskapitel werden der Projektauftrag mit den Forschungsfragen, die Gliederung der Arbeit, die Methodologie sowie die Zielgruppen der Studie erläutert. Das zweite Kapitel dient der Entwicklung des Grundlagenwissens zur flexiblen Arbeitswelt. Hier werden

Definitionen beigesteuert, die kritischen Entwicklungslinien genauer beschrieben und der für die anschließende Personalentwicklung zentrale „morphologische Kasten“ wird erarbeitet. Dies ermöglicht eine verdichtete Darstellung der Beiträge einzelner Personen zu denkbaren Zukunftsentwicklungen.

 

Im Kapitel drei werden die aktuellen Entwicklungen anhand einer rechtlichen Analyse genauer untersucht. Diese Analyse fördert zentrale Spannungsfelder zutage, die bei der weiteren Entfaltung der flexibilisierten Arbeitswelt berücksichtigt werden müssen. Kapitel vier dient der Ableitung von volkswirtschaftlichen Auswirkungen der aktuellen Entwicklungen und dem Ermitteln grundsätzlicher Tendenzen hinsichtlich einer Reihe zentraler Indikatoren. Diese qualitative Schätzung macht insbesondere bei der Ableitung von denkbaren Szenarien Sinn, selbst wenn durch sie keine quantitativen Informationen und Fakten zur Entwicklung zu gewinnen sind.

 

Das letzte Kapitel führt die Informationen der vorhergehenden Kapitel zusammen. In einem ersten Abschnitt werden denkbare Zukunftsszenarien beschrieben. Vorgenommen werden eine explizite Beantwortung der leitenden Forschungsfragen und eine bewertende Aussage der Situation anhand der Kriterien der ILO-Agenda für menschenwürdige Arbeit. Umfangreiche Handlungsempfehlungen sowie ein Fazit runden die Arbeit ab.

Einleitung

Die technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte und insbesondere die Digitalisierung führen zu tief greifenden Umwälzungen in der Arbeitswelt. Sie gestatten ein zunehmend flexibles Arbeiten – und das gleich in mehrerer Hinsicht:

  • Welchen Stellenwert besitzt die Arbeit (bezahlt/unbezahlt) in der Gesellschaft heute und in Zukunft?
  • Dank Internet und Handy können Angestellte auch von zu Hause oder von einem anderen Standort aus auf Firmendaten zugreifen und mobil tätig sein (örtliche Flexibilität),
  • an die Stelle fester Bürozeiten treten Modelle für Jahres- oder Vertrauensarbeitszeit (zeitliche Flexibilität),
  • statt in einem über Jahrzehnte gleichbleibenden Arbeitsverhältnis engagiert man sich vermehrt in wechselnden Teams für Projekte von kürzerer Dauer (organisatorische Flexibilität).
  • Betriebe wiederum nutzen die Möglichkeiten, ihre Belegschaft an das Arbeitsvolumen anzupassen und gegebenenfalls Aufgaben auszulagern (numerische Flexibilität).

Die vorliegende Studie hat zum Gegenstand, welche Folgen diese Entwicklungen für den Stellenwert der Erwerbsarbeit im gesellschaftlichen Leben zeitigen, inwiefern die Eigenarten der neuen Arbeitsformen mit der aktuellen Rechtslage kompatibel sind und welche volkswirtschaftlichen Konsequenzen sich daraus ergeben. Die Studie bezieht sich auf die Schweiz und deren Arbeits- und Rechtsraum.

Ergebnisse

 

Folgende Punkte stellen die Kernergebnisse der Studie dar:

  1. Der Stellenwert der Arbeit unterliegt einer gefährlichen Trendkombination zwischen „zeitlich-räumlicher Flexibilisierung“ und „Arbeitskraftunternehmertum“.
  2. Der rechtliche Rahmen ist generell gegeben. Abwägung zwischen weiteren gesetzlichen Regelungen und Selbstkontrolle der Sozialpartner sind aber notwendig. Darüber hinaus sollten virtuelle Vermittlungsplattformen genauer betrachtet werden.
  3. Aus volkswirtschaftlicher Sicht stehen wenige leichte Verbesserungen relativ vielen (leichten und deutlichen) Verschlechterungen gegenüber. 
  4. Für die Flexibilität der Arbeit ist das sozialpartnerschaftliche Prinzip als notwendige Rahmenbedingung zukunftsweisend. 
  5. Auf dem Radar der Monitoring- und Kontrollsysteme fehlen gewisse Teilaspekte sowie vorausschauende Daten.

Empfehlungen

Die wichtigste Botschaft dieses Buches lautet: Die individuellen und gesellschaftlichen Folgen flexibilisierter Arbeit sind ambivalent und sollten daher durch Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen umsichtig in eine positive Richtung gelenkt werden. Eine qualifizierte Grund- und Fachausbildung verbessert die Chancen erheblich, dass Arbeitnehmende die positiven Potenziale der Flexibilisierung nutzen können. In welche Richtung das Pendel in Zukunft ausschlägt, wird nicht technisch oder ökonomisch vorherbestimmt, sondern ist abhängig von

der Gestaltung neuer Arbeitsformen auf betrieblicher und überbetrieblicher Ebene. Hierzu empfehlen die Autor/innen:

  1. Einen weiten Rahmen für den Umgang mit zeitlicher und örtlicher Entgrenzung der Arbeit zu setzen: Gesetzliche Rahmenbedingungen, die gegebenenfalls auch sanktioniert werden, sind nötig – sollten sich aber nur auf das Ausschließen von Extremformen beschränken und somit den Charakter von „Leitplanken“ haben.
  2. Für die Subjektivierung der Arbeit (Stichwort „Arbeitskraftunternehmer/in“) zu sensibilisieren: Eine „Stärkung der Subjekte“ ist nötig, um Erwerbstätige besser darin zu befähigen, mit der flexibilisierten Arbeitswelt umzugehen. Hier sind insbesondere Institutionen der Aus- und Weiterbildung gefragt, allenfalls bietet sich aber auch eine Chance für Gewerkschaften, ihren Aufgabenbereich auszuweiten.
  3. Die betriebliche Flexibilität als partizipative Organisationsentwicklung zu planen: Innerhalb der gesetzlichen Leitplanken sollen die Sozialpartner die Möglichkeit haben, lokale und angepasste Lösungen gemeinsam auszuarbeiten.
  4. Die betriebliche Mitwirkung und Selbstorganisation zu stärken: Insbesondere Arbeitgebende sind gefordert, auf Bedürfnisse nach mehr Flexibilität (oder bestimmte Ausprägungen davon) zu reagieren. 

Die Flexibilisierung der Arbeitswelt hat zahlreiche rechtliche KonsequenzenVerbesserungen und Überprüfungen sind wichtig hinsichtlich

  1. der Arbeitszeitregelungen, da das Arbeitsrecht beispielsweise Mindestruhezeiten und Maximalarbeitszeiten vorschreibt, die auf abweichende Arbeitszeitmodelle schwer anwendbar sind;
  2. der Sozialversicherungsdefizite bei Kurz-Arbeitseinsätzen, weil sich schwankende Einkommen negativ auswirken können, u. a. auf die Invalidenrente; 
  3. dem Umgang mit (noch) undefinierten Arbeitsformen, da diese sich in rechtlichen Graubereichen bewegen; 
  4. der Klärung von Fragen zu Arbeitsort sowie Scheinselbständigkeit, denn diese stehen im Zusammenhang mit der Kostenerstattung bei auswärtigen Arbeitsorten, steuerlichen Abzügen und Versicherungsmöglichkeiten;
  5. der Personalvermittlung, da sich Anbieter von Crowdsourcing-Plattformen mit ihrem Firmensitz und ihren Websites dem hiesigen Rechtssystem gänzlich entziehen können;
  6. der Rechtsdurchsetzung, da kleinere Organisationen, in denen neue Arbeitsformen zum Zug kommen, schwerer von den Aufsichtsämtern überprüft werden können als Großbetriebe;
  7. der Regelungen zur Nacherwerbsphase, weil diese sehr stark von der Erwerbstätigkeit abhängen (Äquivalenzprinzip) und 
  8. der Erstellung und Pflege einer Gesamtübersicht aller relevanten Rechtsnormen.

Die bestehenden Erhebungen der öffentlichen Statistiken und die Periodizität ihrer Veröffentlichung lassen eine Beurteilung der aktuellen und kurzfristig zukünftigen Lage in vielen Fällen nicht zu. Dies ist anzupassen und zwar in folgenden Bereichen:

  1. der beruflichen Mobilität der Arbeitnehmenden,
  2. der Schattenwirtschaft und
  3. der Arbeitsbedingungen der Arbeitskraftunternehmenden.

Da die Dynamik auf dem Arbeitsmarkt zunehmen dürfte, müsste das Monitoring vorausschauender werden, damit effiziente Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen ergriffen werden können. Es sollten hier mehr und zielgenauere Indikatoren mit Frühwarnfunktion entwickelt und entsprechende Daten zur besseren Maßnahmensetzung erhoben werden.

 

Das Phänomen der flexiblen Arbeitswelt bleibt am Ende unscharf, d. h. es handelt sich dabei um ein bisher unzureichend definiertes Problem. Als solches ist es eine Herausforderung, deren Bewältigung einen echten Unterschied machen kann – einen Unterschied hin zu einer widerstandsfähigen, belastbaren Arbeitswelt. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, sondern bedarf einer gemeinschaftlichen Entwicklungsleistung aller beteiligten Parteien. Nur dann wird es gelingen, aus dieser momentan eher unübersichtlichen, sehr komplexen, aber auch interessanten und chancenreiche Ausgangslage das Beste machen zu können. 

Daten und Fakten

Lucerne University of Applied Sciences and Arts, Hochschule Luzern, Wirtschaft Institut für Betriebs- und Regionalökonomie IBR, n|w Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Angewandte Psychologie

 

Studienautorinnen und -autoren

Jens O. Meissner, Johann Weichbrodt, Bettina Hübscher, Sheron Baumann, Ute Klotz, Ulrich Pekruhl, Leila Gisin und Alexandra Gisler.

 

vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, 2016

TA-SWISS 64/2016 (www.ta-swiss.ch)

 

 

ISBN 978-3-7281-3770-8 (Printausgabe)

ISBN 978-3-7281-3771-5 (E-Book)

DOI 10.3218/3771-5

www.vdf.ethz.ch

verlag@vdf.ethz.ch

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