Ärzte-Dienstplanung - nur Probleme?

Ärzte müssen seit geraumer Zeit Dienstpläne schreiben. In vielen Kliniken können sie dazu die Software „SP-EXPERT“ der Interflex Datensysteme GmbH & Co. KG verwenden. Der TEMPI-Berater und -Trainer Uwe Wehding führt Inhouse-Seminare für die Ärzteschaft durch, damit sie die wesentlichen Grundlagen für die Dienstplanung mit SP-EXPERT kennen lernen. Die ZeitSchrift-Redaktion hat mit Uwe Wehding darüber gesprochen. 

ZeitSchrift: Herr Wehding, warum schreiben die Ärzte in Kliniken heutzutage Dienstpläne? Was hat sich in den letzten Jahren geändert?“

Wehding: „Bis vor schätzungsweise 15 Jahren wurden im Bereich des Ärztlichen Dienstes fast nur die Abwesenheiten geplant. In der Regel plante man die Bereitschaftsdienste, den Rufbereitschaftsdienst, den Urlaub und die Kongressbesuche. Ansonsten waren die meisten Ärzte wohl der Ansicht, dass sie ständig und rund um die Uhr verfügbar sind, um den Dienst am Patienten zu leisten. Das ist jedenfalls meine persönliche Erkenntnis aus langjähriger Arbeit als Arbeitszeitmanager in mehreren deutschen Kliniken, die durch Erfahrungen vieler meiner Kolleginnen und Kollegen bestätigt wird.“

 ZeitSchrift: „Wollen Sie damit sagen, dass nach dem Selbstverständnis der Ärzteschaft traditionell eine ständige Arbeitsbereitschaft gegeben ist? Gelten für Ärzte die gesetzlichen Grenzen der Arbeitszeitgestaltung nicht?“

Wehding: „Bei der jetzigen Dienstplanung müssen auch für Klinikärzte alle Arbeitszeiten und Abwesenheiten geplant werden. Hinzu kommt, dass auch sie nur bis zu 10 Stunden am Tag arbeiten dürfen. Viele Ärzte, die ich kennen gelernt habe, fühlen sich dadurch allerdings in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt. Dies vor allem, weil jetzt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Klinikverwaltung die Arbeitszeiten der Ärzte prüfen und bei Verstößen einschreiten. Zum Glück entschärft sich die Situation langsam, da die nachrückende Generation der Ärzte meiner Ansicht nach „vernünftiger“ ist, also stärker die eigene Gesundheit und die Work-Life-Balance beachtet und den Schutzgedanken der Arbeitszeitgesetze akzeptiert. Problematisch sind – nach meiner Erfahrung aus mehreren Kliniken – vor allem die chirurgischen Fächer. Beispielsweise in der Neurochirurgie dauern viele chirurgische Eingriffe länger als 10 Stunden. Assistenzärzte müssen allerdings Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz hinnehmen, da sie in einem begrenzten Zeitraum eine entsprechende Anzahl an Operationen durchführen müssen, um die Facharztausbildung erfolgreich absolvieren zu können.“

ZeitSchrift: „Müssen sich die Ärzte nun selbst an den Computer setzen und mit einer Schichtplan-Software, beispielsweise mit SP-EXPERT, die Dienstpläne erstellen?“

Wehding: „Mein Eindruck ist, dass das in den allermeisten Fällen tatsächlich so ist. Nicht immer stehen Sekretärinnen oder Assistenzkräfte zur Verfügung, die diese Aufgabe übernehmen könnten.“

ZeitSchrift: „Und können die Ärzte qualifiziert mit dieser Software arbeiten?“

Wehding: „Ich erlebe leider oft das Gegenteil! Schulungen zur Dienstplanung und zur Anwendung der Software werden vom Arbeitgeber häufig nicht oder nicht ausreichend angeboten Nicht immer steht in den Kliniken das notwendige qualifizierte Personal für derlei Schulungen zur Verfügung. Oder das Angebot wird von den Ärzten aus zeitlichen Gründen oder auch, weil sie es nicht für nötig erachten, nicht genutzt. Meine Schulungen, die ich im Auftrag der TEMPI GmbH durchführe, sind oft der erste Einstieg, obwohl die Ärzte bereits seit mehreren Jahren Dienstpläne schreiben müssen.“

ZeitSchrift: „Die Software, in dem Fall SP-EXPERT, bietet doch viele gute Funktionen und Hilfestellung, damit den Ärzten die Dienstplanung leicht von der Hand gehen müsste?“

Wehding: „Ja, die Software entspricht dem technischen Stand der heutigen Zeit. Aber die Planer kennen oft viele Erleichterungen zur Dienstplanung, die das Programm bietet, nicht. Zum Beispiel: Obwohl sie schon seit Jahren mit SP-EXPERT arbeiten, ist nicht allen Planern bekannt, dass und wie sie ganz einfach die Ansichten des Dienstplans ändern können, um einen besseren Überblick zu bekommen. Andere Hilfen, zum Beispiel Tastenkombinationen zur Eintragung von Diensten oder das Markieren mehrerer Tage, um an allen Tagen denselben Dienst einzutragen, sind öfter ebenso wenig bekannt wie die Makros, mit denen man sich Eintragungen sehr vereinfachen kann.“

ZeitSchrift: „Das dürften aber wohl Probleme sein, die nicht nur die Ärzteschaft bei der Dienstplanung hat?“

Wehding: „Ich muss immer wieder feststellen, dass in der Berufsgruppe der Ärzte im Vergleich mit den Pflegekräften eine Haltung vorherrscht, die das Eintragen von Schichtdiensten in ein Dienstplanprogramm als lästige Verwaltungsaufgabe ansieht. Leider werden dadurch auch nicht alle Änderungen der Arbeitszeiten im Dienstplanprogramm SP-EXPERT dokumentiert. Das führt unter Umständen zu ungenauer Abrechnung der unsteten Bezüge. Hinzu kommt, dass viele Ärzte unsicher zu sein scheinen, wie sie die Resultate zeitwirtschaftlicher Berechnungen zu interpretieren haben, welche Schlüsse sie daraus ziehen sollen. So besteht beispielsweise große Unsicherheit bei der Beurteilung von Rufbereitschaftsdiensten und bei der Abrechnung von Bereitschaftsdiensten. Ich sehe auch, dass immer noch zu viele Ärzte nicht erkannt haben, dass sie sich bei der täglichen oder durchschnittlichen Arbeitszeit nach Gesetz und Tarif richten müssen. Daher behandle ich in allen Schulungen mit Mitarbeitern des Ärztlichen Dienstes die wesentlichen Bestimmungen des Arbeitszeitgesetzes und der jeweils geltenden Tarifverträge - also alles was planerisch relevant ist.“

ZeitSchrift: „Und nach der Schulung sind die teilnehmenden Ärzte fit für die Dienstplanung?“

Wehding: „Oh nein! Wie ich bereits sagte, können die Schulungen, zu denen ich beauftragt werde, nur eine erste Grundlage legen. Sie sollen dazu beitragen, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmern erkennen, welches die rechtlichen Grundlagen der Dienstplanung sind, dass die Planungssoftware ihnen gute Hilfen anbietet und dass sie sich vertiefend in die Thematik einarbeiten müssen. Im Anschluss an meine Schulungen sollte die Klinikverwaltung das interne Schulungsangebot ausweiten oder in der Ärzteschaft bekannter machen, so dass die nun dazu motivierten Ärzte diese auch intensiv nutzen können.“

ZeitSchrift: „Sind denn wenigstens die Chefärzte in der Hinsicht vorbildlich?“

Wehding: "Meist delegieren die Chefärzte die Dienstplanung an Ihre leitenden oder geschäftsführenden Oberärzte, die sich oft recht gut in dieser Materie auskennen. Leider nutzen Chefärzte und leitende Oberärzte in der Rolle als Führungskraft zurzeit die Auswertungsmöglichkeiten, die es über das Dienstplanprogramm SP-EXPERT gibt, nur selten.  So ist es beispielsweise möglich, aus der Planungssoftware heraus monatliche Auswertungen über Verstöße gegen die Arbeitszeitgesetze oder über die Gesamtheit der geleisteten Überstunden zu bekommen. Dieses würde ihre diesbezüglichen Führungsaufgaben unterstützen. Doch entweder sind derartige Auswertungen in der lokalen SP-EXPERT-Installation nicht eingerichtet oder sie sind den Chefärzten und leitenden Oberärzten nicht bekannt. Auch hier ist also noch viel zu tun, um die Situation zu verbessern!"

ZeitSchrift: „Herzlichen Dank, Herr Wehding, für dieses Interview!“

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