Corona-Krise: Auswirkungen auf die Schichtplanung

Geht es Ihnen auch so?

 

Sie stecken vollständig im Sumpf und werden immer weiter einsinken oder gar vollständig untergehen, wenn die Corona-Pandemie sich weiter wie bisher ausbreitet?

 

Das Foto entstand im Watt der Nordseeküste. Hier ist nicht nur der unsichere Untergrund als Problem zu erkennen, sondern auch die nahende Flut, die in wenigen Stunden dieses Watt wieder metertief überdecken wird. Erst viele Stunden später wird man den Kopf wieder aus dem Wasser strecken können - sofern das dann überhaupt noch möglich sein wird...

 

Eines der vielen aktuellen Probleme, welche mit der auf dem Foto dargestellten Situation vergleichbar sind, ist in Schichtbetrieben der sorgfältig ausgearbeitete Schichtplan, der ins Wanken gerät, wenn 

  • aufgrund stark sinkender (oder steigender?) Nachfrage die Produktionsmenge bzw. der Dienstleistungsumfang kurzfristig erheblich verändert werden muss,
  • aufgrund von Quarantänemaßnahmen, positiven Testergebnissen oder Krankheit vieler Beschäftigter das benötigte Personal von heute auf morgen nicht mehr verfügbar ist oder
  • aufgrund der Abhängigkeiten von Zulieferern, Logistikern etc. die Produktion bzw. die Dienstleistung nicht im gewohnten Umfang erfolgen kann. 

Welche Möglichkeiten gibt es, die Situation kurzfristig in den Griff zu bekommen, ohne nachhaltige Schäden anzurichten? Lesen Sie eine von mehreren Ideen der TEMPI GmbH und diskutieren Sie mit uns darüber.

Hätte, hätte, Fahrradkette ...

Wenn man doch früher daran gedacht hätte ... Das hilft jetzt auch nicht weiter! Zur Information: Unternehmen, die sich schon immer auf erhebliche und meist kurzfristige Schwankungen der Auftragslage einstellen mussten, haben "atmende" Schichtpläne erstellt. Als Beispiel kann ein Unternehmen genannt werden, das vor vielen Jahren von der TEMPI GmbH beraten wurde: Ein Zulieferer im Produktionsbereich bekam regelmäßig montags die konkreten Daten über die in der kommenden Woche zu produzierenden und zu liefernden Mengen der von ihnen produzierten Kunststoffteile. Die bestellten Mengen schwankten zwischen 10.000 und 100.000 Stück. Die Produktion lief zwar weitgehend automatisiert ab, jedoch wurden Mitarbeiter für Einrichten, Betreuung und Wartung der Maschinen sowie für Ergebniskontrollen benötigt. Der tägliche Personalbedarf schwankte ungefähr zwischen fünf und fünfzehn Mitarbeiter*innen. 

 

Die Lösung dieses alltäglichen - und für viele in der Coronakrise nun völlig neuen - Problems war der "atmende" Schichtplan. Grob skizziert sah das Schichtmodell so aus: Produziert wurde an drei bis sechs Tagen der Woche, beginnend am Montag mit der Frühschicht. Die Beschäftigten arbeiteten nach einem festen Schichtrhythmus, der ihnen im Modell von Montag bis Mittwoch nicht absagbare Schichten (Früh- und Spätschichten) auf Jahre im Voraus festlegte. Weitere Schichten und freie Tage wurden als an- bzw. absagbare Tage definiert. Dies bezog sogar die Nachtschichten ab dem vorangehenden Sonntag sowie Früh- und Spätschichten von Donnerstag bis Samstag ein. Weitere Variationen wie kurzfristige An- und Absage, Zwangsurlaub etc. waren nicht zugelassen, eine Betriebsvereinbarung fixierte das Schichtmodell und die Rahmenbedingungen. Damit waren sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer sehr zufrieden! 

 

Grundlage für dieses Schichtmodell waren genaue Analysen und Berechnungen im Vorfeld, Vereinbarungen mit den Auftraggebern über die  maximalen und minimalen Produktionsmengen, und es gab natürlich einen Tarifvertrag, der diese Flexibilität zuließ und angemessene Vergütungen und Boni definierte.   

 

Das Problem aus heutiger, aktueller "Corona-Sicht": Die Entwicklung und Einführung eines derartigen Schichtmodells und die Vereinbarung tariflicher und betrieblicher Rahmenbedingungen benötigte damals mehrere Monate - fast ein ganzes Jahr, wenn man die mehrmonatige Pilotphase dazurechnet. Die Zeit steht aktuell nicht zur Verfügung!

 

Eile mit Weile ...

Nehmen Sie sich beispielsweise einen Monat Zeit für das Analysieren Ihrer spezifischen Situation und das Durchdenken, Diskutieren und Verhandeln eines flexiblen Schichtmodells. Wenn Sie heute, am 20. März 2020 damit beginnen, kann ab Mai 2020 der neue Schichtrhythmus in Kraft treten - ohne Pilotphase, aber mit unterzeichneter Betriebsvereinbarung. Die aktuellen Entwicklungen deuten darauf hin, dass die aktuellen Probleme auch noch über den Mai hinaus bestehen bleiben. 

 

Das oben skizzierte flexible Schichtmodell basierte auf einer Wochenplanung. In den meisten Betrieben ist jedoch eine Monatsplanung üblich. Gefühlt stellt die Monatsplanung für die Beschäftigten eine größere Planungssicherheit dar, eine wochenweise Planung ziehen die meisten Betriebsräte und Beschäftigten daher nicht in Betracht. In der Regel basiert diese Ansicht jedoch auf Schichtmodellen, die weder an dem tatsächlichen Bedarf, noch an den Bedürfnissen der Beschäftigten optimal angepasst sind - und zudem nicht die notwendigen eindeutigen Regelungen in Betriebsvereinbarungen erkennen lassen, die den Beschäftigten die hohe Sicherheit gegen kurzfristige Änderungen geben. Bevor man den Gedanken an eine wochenweise Planung auf der Grundlage eines langlaufenden Schichtrhythmus von sich weist, sollte man sich intensiv mit den Hintergründen und den Konsequenzen auseinandergesetzt haben.      

 

Nutzen Sie die aktuellen Angebote der Bundesregierung, zum Beispiel die vereinfachten Möglichkeiten für Kurzarbeit. Denkbar wäre in dem Kontext eine Auszahlung von Kurzarbeitergeld für die am Ende der Woche ausfallenden Arbeitstage. Bei möglichst gleichmäßiger Verteilung über alle betroffenen Beschäftigten kann der Einkommensrückgang vielleicht erträglich gestaltet werden. 

 

Weit blickend ...

Die Zeit der Corona-Krise wird sich wie eine Pilotphase für Ihr neues Schichtmodell darstellen. Niemand weiß heute, wie die Lage in den nächsten Wochen und Monaten sein wird. Das neue Schichtmodell und die Rahmenregelungen werden genau beobachtet und in gemeinsamen Absprachen zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern im Detail angepasst werden müssen. Davon sollte man genauso ausgehen, wie von der Erwartung, dass niemals alle Betroffenen hundertprozentig zufrieden sein werden. Aber eine Verbesserung gegenüber der aktuellen oder bisherigen Situation für alle Seiten und Interessen wird man sehr wahrscheinlich feststellen können.  

 

Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Erkenntnis, dass so ein flexibles Schichtmodell auch nach dem Ende der Corona-Krise - wann auch immer das sein wird - beibehalten werden kann. Die im Modell eingebaute und in der Betriebsvereinbarung eindeutig geregelte hohe, aber begrenzte Flexibilität muss ja in Zukunft nicht ausgenutzt werden. Sie kann aber immer wieder reaktiviert werden, wenn es notwendig ist und die verschiedenen Interessenvertreter im Betrieb dies gemeinsam feststellen. 

 

Oder glauben Sie tatsächlich, dass diese erste weltumspannende große Krise, auf die niemand vorbereitet gewesen ist, auch die letzte ihrer Art sein wird?  

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