Arbeiten für die Gesundheit – auch nach der Coronakrise!

Die Einrichtungen des Gesundheitswesens und der Pflege beweisen heute, wie „systemrelevant“ sie sind. Die dort arbeitenden Menschen werden bis an die Grenzen ihrer körperlichen und seelischen Belastbarkeit gefordert, sie müssen ihre eigene Gesundheit gefährden, um das Leben anderer zu schützen und zu retten.

 

Es wäre wünschenswert, wenn das normale Leben nach der Krise bald wieder möglich wäre, wenn die Wirtschaft sich von dem Schock erholen würde und die Menschen die Freiheit ihrer Lebensgestaltung wieder zurück erlangen könnten.

 

Nicht wünschenswert wäre es, wenn dann wieder vorrangig die kalte Sachlogik der Geldwirtschaft und das egoistische Streben nach Profit in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Betrachtung gerückt werden würden, und die Belange der gesundenden Menschen dahinter zurück zu treten hätten. Nicht verdient hätten es die heute so oft und berechtigt gelobten Krisenhelfer, wenn alles danach wieder „zur Tagesordnung“ übergeleitet würde. Hilfe in der Not wäre nur noch eine Episode, man/frau hätte sich wieder in Reih und Glied am unteren Ende der sozialen Werteskala einzuordnen. Vor allem die vielen in Gesundheitsvorsorge und Pflege tätigen Frauen würden wieder auf ihre traditionelle Lücke in den Einkommen blicken, die sie gegenüber den viel häufiger in den technischen „wirtschaftsrelevanten“ Berufsfeldern tätigen Männern zurücksetzt.

 

Die folgenden Überlegungen wollen prüfen und Vorschläge machen, wie eine strukturelle Aufwertung der Berufsfelder in Gesundheit und Pflege ermöglicht werden könnte. Es sollte nicht bei gut gemeinten Stimmungsmomenten oder moralischen Appellen bleiben. Die Menschen, die heute gegen die Notlage anarbeiten, müssen sich für die Zukunft auf gerechte und verbesserte Rahmenbedingungen ihrer Berufstätigkeit verlassen können.

 

Norbert Engelhardt, TEMPI GmbH Bielefeld, April 2020

1. Ende der Marktwirtschaft? Welche gesellschaftliche (öffentlich-rechtliche) Einbettung könnte das Gesundheitswesen nach der Krise erhalten?

Das Gesundheitswesen der Zukunft muss sowohl einen zuverlässigen und möglichst kostengünstigen Regelbetrieb gewährleisten, als auch eine belastungsfähige Ausrüstung für Krisen und Notfallkonstellationen bereithalten. Über die dafür notwendigen Planungs- und Steuerungsprozesse sollte unter Einbeziehung aller Beteiligten in öffentlichen Prozessen (z. B. in der Form von „Beiräten“) verhandelt und entschieden werden.

Als „Beteiligte“ kommen in Frage:

  • Betreiber von Unternehmen und Einrichtungen in Medizin, Reha, Pflege und Pharmazie
  • Politische Instanzen, Entscheider und Finanzierer, Regionale und lokale Gremien
  • Öffentliche Behörden, Gesundheitsämter, Sozialversicherungsträger, Rettungsdienste
  • Arbeitnehmer (-vertreter), Gewerkschaften, Ärzteverbände, Arbeitgeber- und Klinikverbände
  • Patienten (-verbände?)
  • Wissenschaft, Forschung
  • Industrie (Pharma, Medizintechnik, Hygieneartikel, etc.).

Vorbild für solche Formen der institutionalisierten Beteiligung könnten die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sein. Deren Errichtung und Betrieb soll sowohl von direkter staatlicher Einflussnahme unabhängig als auch gegenüber privatwirtschaftlichen Einzelinteressen neutral sein. Im Zentrum steht das Ziel, eine gesellschaftlich anerkannte und demokratisch notwendige Dienstleistung allgemein verfügbar zu machen.

Erörterungs- und Entscheidungsthemen für die „Beiräte“ im Gesundheitssystem könnten u. a. sein:

  • Planung und Ausgestaltung der bereitzustellenden Infrastruktur
  • Modernisierungs- und Investitionsentscheidungen
  • Notfallplanung / Bevorratung / Notfallmanagement
  • Qualitätsstandards / Qualifikationsstandards / Personalplanung
  • Ausbildungskonzepte, Personalentwicklung, Arbeitsmarktpolitik für Gesundheitsberufe.

Es geht darum, für die Gesundheitsberufe ähnlich gesicherte und wertschätzende Rahmenbedingungen zu schaffen wie etwa für Feuerwehren, Rettungsdienste und technische Hilfsorganisationen. Auch bei den Sicherheitsbehörden, bei Polizei und Militär gilt die weithin akzeptierte Prämisse, dass sie teilweise für Ausnahmesituationen konzipiert und entsprechend finanziert, ausgestaltet und wertgeschätzt werden.

2. Organisationskonzepte für Gesundheitsbetriebe

Seit mehreren Jahrzehnten ist in Gesundheitseinrichtungen ein öffentlich unterstützter Prozess der Umstrukturierung im Gange, der auf eine höhere organisatorische Effektivität und ökonomische Effizienz abzielt. Dies hat teilweise zu einer Auszehrung des Gesundheitssystems beigetragen, die sich in der Coronakrise schmerzhaft offenbart hat.

 

Allerdings kann in der Bilanzierung zugleich nicht bestritten werden, dass es in Teilen des Gesundheitssystems auch heute noch „vormoderne“ Organisationsmodelle gibt, deren Weiterbestand in den bisherigen Strukturen zu hinterfragen ist. Grundsätzlich ist die Frage zulässig, ob alte Architekturen und modernisierungsbedürftige institutionelle Ensembles, wie sie sich in „klassischen“ Klinikmodellen organisch und historisch entwickelt haben, die Basis für ein Gesundheitssystem der Zukunft bilden können. Auch Führungs- und Organisationskonzepte, die sich auf stark ausdifferenzierte Hierarchien stützen, sollten überprüft werden.

 

Deutlich zu widersprechen ist allerdings der politisch und kulturell weit verbreiteten Annahme, dass notwendige Veränderungsprozesse nur unter Anwendung einer streng marktwirtschaftlichen Denkweise und bei konsequenter Übertragung aller Trägerschaften an gewinnorientierte Privatunternehmen umsetzbar wären.

Warum sollten nicht auch Gesundheitsunternehmen in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft in der Lage sein, offene Denk- und Diskussionsprozesse in Gang zu setzen und Investitionsmittel zu mobilisieren? Man könnte sich kümmern,

  • Um- und Neubauten von Betrieben durchzuführen und dabei
  • moderne Organisations- und Kommunikationskonzepte mit einer entsprechenden technischen Basis umzusetzen
  • kurze Wege in der Patientenversorgung bei hohen Qualitätsstandards zu konzipieren
  • eine kostengünstige, zuverlässige und flexible Infrastruktur zu hinterlegen
  • barrierefreie Formen des Zugangs und des Umgangs miteinander zu unterstützen.

Aus der Sicht der Beschäftigten könnten die Grundlagen für den Personaleinsatz breitflächig verbessert werden, indem man die Führungskräfte in allen Fragen der Personalführung substanzieller qualifiziert, die Dienstpläne gesundheitsförderlicher und familienfreundlicher gestaltet und die Instrumente für die Dienstplangestaltung auf aktuelle rechtliche, technische und kommunikative Standards hin anpasst.

3. Qualifizierung, Personalentwicklung, Personalrekrutierung

Politik und Öffentlichkeit müssen durch schnelle und geeignete Maßnahmen dafür sorgen, dass die Zahl qualifizierter Fachkräfte in den Gesundheits- und Pflegeberufen massiv ansteigen kann. Dafür muss unter anderem das Angebot an Ausbildungsplätzen erheblich erweitert werden. Es ist eine Illusion, anzunehmen, dass die privatwirtschaftlich tätigen Akteure im Gesundheitswesen die geeigneten Schritte unternehmen und ausreichend Geldmittel aufbringen würden, um die bestehenden und mittelfristig zu erwartende Engpässe am Arbeitsmarkt auszugleichen.

 

Fachkräfte im Gesundheitswesen müssen zukünftig verstärkt in Ausbildungseinrichtungen unter öffentlicher Trägerschaft und mit staatlicher Finanzierung auf ihre Berufstätigkeit vorbereitet werden. Dazu gehört, dass ihnen nicht noch durch privat vorzufinanzierende Ausbildungsgebühren Hürden zu diesem Berufsfeld in den Weg gelegt werden. Stattdessen müssen die Zeiten der Ausbildung durch eine entsprechende Ausbildungs- und Studienfinanzierung für die privaten Lebenshaltungskosten – also durch ein ungeprüftes und bedingungsloses BAföG - unterstützt werden.

 

Die entsprechenden Überlegungen gelten im Übrigen auch für andere Berufsgruppen im Bereich der Sozialpädagogik, also etwa bei Erzieher*innen oder für Menschen, die als Nicht-Akademiker*innen in der Jugend- und Behindertenhilfe arbeiten wollen. Es kann nicht als gerecht angesehen werden, dass der Staat und die Gesellschaft diejenigen Menschen eines Jahrgangs, die sich für die Aufnahme eines Hochschulstudiums entscheiden, mit Milliardensummen und eine gebühren- und kostenlos bereitgestellte wissenschaftliche Infrastruktur unterstützt, während diejenigen, die eine „praktische“ Berufsausbildung ergreifen und dafür im späteren Berufsleben mit weniger Einkommen und einem herabgesetzten Berufsstatus rechnen müssen, dafür auch noch mit privat zu tragenden Kosten in der Ausbildung belastet werden.

 

Die Politik muss die aktuell erkannten Mängel in den Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen dringend mit einer Werbestrategie – unter anderem an den Schulen – beantworten, die den Wert der Gesundheitsberufe neu gewichtet und in den Mittelpunkt einer Arbeitsmarktoffensive stellt. Arbeit mit Menschen und die Gesunderhaltung und Pflege von Kranken und Schwachen darf als berufliche Leistung und Herausforderung nicht in der Bedeutung hinter die Erstellung von Computeranwendungen oder die Montage von Maschinen zurückgestellt werden.

 

Insofern sind auch in der Bildungspolitik neue Schnittstellen zu entwickeln, über die Menschen in Gesundheits- und Pflegeberufen ihre Berufspraxis langfristig flexibel weiter entwickeln können und neben der Praxistätigkeit auf differenzierte Weiterbildungsangebote an Fachhochschulen und Universitäten nach eigenen Interessen zurückgreifen können, um sich z.B. fachlich zu spezialisieren oder um sich für Führungs- und Managementaufgaben heranzubilden.

 

Deutlich zu warnen ist vor einer aktuell vorherrschenden Strategie, die meint, die Personalengpässe in der Pflege vor allem über einen Personalimport von den europäischen (oder internationalen) Arbeitsmärkten abdecken zu können. Abgesehen davon, dass eine solche Perspektive nur begrenzt realistisch ist, wirft es auch moralische Fragen auf, wenn man eigene Ausbildungsaktivitäten und Finanzausgaben vermeidet, um andere Gesellschaften um ihre dort getätigten Ausbildungsinvestitionen zu betrügen und ihnen die selber dringend benötigten medizinischen und pflegerischen Fachkräfte durch hohe „Bestechungsgelder“ abkauft.

4. Wertschätzende Personalpolitik und Mitbestimmung

Verbesserte Arbeitsbedingungen und eine anerkennende und leistungsgerechte Vergütung sollten in Zukunft über einheitliche Tarifstandards abgesichert werden, gegebenenfalls mit berufsspezifischen und regionalen Gewichtungen und differenziert nach einzelnen Bereichen von Gesundheitsdienst und Pflege.

 

Die beste Gewähr gegen Tendenzen zur unseriösen Gewinnerzielung und unsoziale Konkurrenzmechanismen auf dem Rücken der Beschäftigten wären allgemeinverbindliche Tarifverträge, die von den Tarifparteien ausgehandelt und regelmäßig aktualisiert, aber dann über die bereits vorhandenen arbeitsrechtlichen Instrumente als Rechtsstandard für die ganze Branche verpflichtend festgelegt werden, unabhängig davon, wer sich einem Arbeitgeberverband oder einer Gewerkschaft angeschlossen hat.

 

In diesem Rahmen sollte sich auch die Zusammenarbeit der Gewerkschaften der Pflegeberufe (ver.di) und der Ärzte (Marburger Bund) verbessern und in eine koordinierte Tarifstrategie umgesetzt werden.

 

In der Zukunft sollte es in allen Bereichen des Gesundheitswesens eine breite Unterstützung für die Bildung von Betriebsräten (auch anstatt Mitarbeiter- und Personalvertretungen mit weniger Rechten) geben. Insbesondere in den öffentlich-rechtlich betriebenen Gesundheitseinrichtungen sollte es eine Selbstverständlichkeit werden, dass die Leitungsebenen mit einer Arbeitnehmervertretung über die Gestaltung der Arbeitsbedingungen im Gespräch ist und entsprechende Vereinbarungen dazu geschlossen werden. Eine wesentliche Bedingung sollte es dabei sein, dass die gesetzlichen Regelungen nach dem Betriebsverfassungsgesetz die anerkannte Arbeitsgrundlage bilden.

 

In allen privatwirtschaftlich betriebenen Unternehmen in der Medizin und in der Pflege sollten – unabhängig von der Rechtsform des Betreibers - verpflichtend Aufsichtsräte gebildet werden. Ab einer Betriebsgröße von 500 Arbeitnehmer*innen sollte die Mitbestimmung im Aufsichtsrat, die Wahl der Arbeitnehmervertreter und die Zusammensetzung des Gremiums nach den Regeln des Mitbestimmungsgesetzes von 1976 gestaltet werden. In den Aufsichtsräten sollten auch Vertreter der Politik bzw. des öffentlichen Gesundheitssystems mit Sitz und Stimme vertreten sein. In jedem Unternehmen dieser Größenordnung sollte es ein Vorstandsmitglied geben, das (als Personalvorstand oder als Pflegedirektor*in) die eindeutig zugewiesene Zuständigkeit für personelle und soziale Fragen hat. Diese Funktion sollte auf Vorschlag der Arbeitnehmer*innen im Unternehmen personell ausgefüllt werden.

 

Alle voranstehend beschriebenen Sicherungs- und Beteiligungsmodelle für die Beschäftigten setzen eine gewisse Mindestbetriebsgröße voraus. Es gibt allerdings darüber hinausgehend eine große Zahl von Menschen, die in Gesundheitsberufen tätig sind, allerdings in kleinbetrieblichen Strukturen oder sogar ohne die Rechtsform des gesicherten Arbeitsverhältnisses. Zu erwähnen sind hier etwa die Helfer*innen in den Praxen niedergelassener Ärzte oder in Facharztzentren, die Mitarbeiter*innen in Apotheken oder die freiberuflich tätigen Hebammen, Therapeuten oder mobilen Pflegedienste. Es wäre dringend zu raten, dass auch hier ein öffentliches Netz gespannt wird, welches den in der Daseinsfürsorge engagierten Menschen eine auskömmliche Existenz und gesundheitlich zumutbare Arbeitsbedingungen gewährleistet und ihnen die ausstehende Anerkennung verschafft, die als eine der wesentlichen Lektionen aus der Coronakrise in die Geschichtsbücher eingetragen werden muss.

 

Norbert Engelhardt, TEMPI GmbH Bielefeld, April 2020

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Kommentare: 6
  • #1

    Lars Schulte (Montag, 13 April 2020 09:38)

    Ich persöhnlich vermisse an vielen Stellen die Erwähnung des Berufes der Heilerziehungspflege. Auch hier ist es ein extrem Systemrelevanter Job, der von den Pflegenden erwartet, dass sie sich mit ihrer eigenen Gesumdheit, für die zu Pflegenden, die meist selbst zur Risikogruppe gehören, einsetzen und Dienst um Dienst arbeiten. Auch hier ist Arbeitszeit und Gesundheitsschutz nicht immer das was an erster Stelle steht, sonder das Wohlergehen der Klienten. Daher ist es um so wichtiger das für alle Berufe des sozialen Bereiches ein Stärkung in der Gesellschaft stattfindet. Arbeitszeit, Gehälter, Gesundheitsschutz, Personalbeschaffung und Personalentwicklung sind nur einige der wichtigsten Stellschrauben, die es gilt zu drehen. Wir alle müssen all diesen Berufen mehr Anerkennung und Wertschätzung geben damit sich etwas in der Gesellschaft bewegt. Wir müssen es immer.und immer wieder ansprechen um gemeinsam etwas zu bewegen.

  • #2

    Karl-Hermann Böker (Montag, 13 April 2020 10:37)

    Dem vorherigen Kommentar stimme ich zu, erweitere es sogar noch: Altenpflege, Rettungsdienste etc., denke aber, dass der Autor diese Berufsgruppen ebenfalls bedacht hat, aber nicht jeweils einzeln erwähnt hat, um de Text nicht noch länger werden zu lassen.
    Dem Autor stimme ich ebenfalls zu, jedenfalls "grundsätzlich". Doch fehlen die Ausführungen dazu, wie seiner Meinung nach "normales Leben" nach der Krise aussehen und wie dieses finanziert werden könnte. Ich glaube, dass die Einrichtung von Beiräten, eine verbesserte Notfallvorsorge und Organisation des Gesundheitswesens sowie andere, bessere Qualifizierungsmaßnahmen nicht "kostengünstig", wie der Autor mehrfach fordert, im Gesundheitswesen zu realisieren sein werden.
    Wir alle werden mehr Finanzmittel (Steuern) dafür abführen müssen, mit denen - neben und weitgehend unabhängig von dem aktuellen Gesundheitswesen - eine umfassende öffentliche Notfallvorsorge für vergleichbare Pandemien aufzubauen ist. Vorbilder dafür sind die (Berufs- und freiwilligen) Feuerwehren, das Technische Hilfswerk, der Katastrophenschutz, die Wasserrettung und vergleichbare Einrichtungen, die nicht nach einzelwirtschaftlichen Interessen, sondern einzig und allein nach dem zu erwartenden Bedarf in Notsituationen organisiert und finanziert werden. Dazu gehört übrigens heutzutage eine sicher funktionierende digitale Kommunikations- und Informationsbasis, unabhängig von allen bestehenden, von großen Konzernen unter rein wirtschaftlichen Maximen betriebenen digitalen Netzen! Für eine angemessene Einschätzung des Bedarfs und Entscheidungen über die zu treffenden Maßnahmen und Investitionen mag die Einrichtung von Beiräten sinnvoll und notwendig sein.

  • #3

    Norbert Engelhardt (Dienstag, 14 April 2020)

    Hallo Lars Schulte,
    ich habe die in der Heilerziehungspflege tätigen Menschen nicht ausdrücklich erwähnt, weil ich darauf auch erst jetzt durch Ihren Beitrag aufmerksam gemacht worden bin. Mir fehlt auch tatsächlich die Übersicht, an welchen Hebeln überhaupt zur Zeit Menschen mit ihrer Arbeitskraft
    wirken, um Leben zu retten, Not zu lindern und die Versorgung der Gesellschaft in Gang zu halten. Aber ich unterstütze ausdrücklich Ihre Forderung: "Daher ist es um so wichtiger das für alle Berufe des sozialen Bereiches ein Stärkung in der Gesellschaft stattfindet."

    Das ist der zentrale Aufhänger meines Beitrags: wie kann nach der zu erwartenden Rückkehr zu einem "Normalbetrieb" nach der Krise gesichert werden, dass die Beschäftigten in den "systemrelevanten" Berufen wirklich eine verlässliche Besserstellung erhalten. Mir wäre es dabei sehr wichtig, dass sich die Rolle der arbeitenden Menschen ändert. Sie sollten nicht länger als Empfänger oder "Objekte" von Applaus und Wohlwollen in der öffentlichen Meinung gelten, sondern als selbstbewußte Akteure in die gesellschaftliche Diskussion eintreten und so früh wie möglich konkrete Ziele formulieren und verhandlungsfähige Forderungen auf den Tisch legen.

  • #4

    Norbert Engelhardt (Dienstag, 14 April 2020 15:47)

    Die zu erreichenden Veränderungen werden nicht in allen sozialen Berufsfeldern die gleichen sein. Ich habe in meinem Beitrag auf die Felder Einkommen, Arbeitsbedingungen, Ausbildung und berufliche Weiterentwicklung hingewiesen sowie die Mitbestimmungsregelungen auf der betrieblichen und der Berufsfeld- und Branchenebene erwähnt. Es könnte auch andere und weitergehende Überlegungen dazu geben. Es steht mir nicht zu, hierzu eine besondere Meinung zu haben, denn ich sitze im Home-Office und stehe nicht im Feuer. Ich wollte nur einen Diskusionsimpuls geben und hoffe auf rege Beteiligung.

  • #5

    Norbert Engelhardt (Dienstag, 14 April 2020 16:05)

    Hallo Karl-Hermann Böker,
    ja, ich habe mich getraut, den kühnen Satz zu formulieren, "das Gesundheitswesen der Zukunft muss sowohl einen zuverlässigen und möglichst kostengünstigen Regelbetrieb gewährleisten". Es wird wenig aussichtsreich sein, zu fordern: Geld darf in Zukunft keine Rolle spielen. Allerdings spreche ich mich deutlich gegen den Irrglauben aus, dass die Marktwirtschaft das Gesundheitswesen kurieren könnte und das nach den Regeln von Angebot und Nachfrage die Preise für Gesundheitsleistungen so tief wie möglich in den Keller gedrückt werden sollten. Neben dem "kostengünstigen" Regelbetrieb sind für die Zukunft nun alle erforderlichen Vorsorgemaßnahmen für Notfälle und Krisen (und der Bedarf an Sachmitteln und Personalkapazitäten dafür) zu prüfen und zu finanzieren. Darüber muss öffentlich diskutiert werden, mit und zwischen der Politik und den Beteiligten im System Gesundheit. Und auch die Finanzierung aus den öffentlichen Haushalten, aus den Sozialsystemen und Versicherungen (und auch aus privaten Mitteln?) steht natürlich im Fokus.

    Mein Hinweis auf das System der öffentlich-rechtlichen Medien kann hier durchauss weiter helfen. Auch dort gibt es einen "Kostendeckel", der durch die GEZ-Einnahmen definiert, aber auch alle paar Jahre geprüft neu justiert wird. Innerhalb des Kostenrahmens gibt es dann aber die Freiheit, kulturelle und politische Entscheidungen zu treffen. Da wird dann Geld für den Tatort oder eine Fussballübertragung ausgegeben, aber auch für Experimentalfilme, Expertendiskusionen oder Wissenschaftsjournale, die nicht an der Elle der Publikumsbegeisterung gemessen werden müssen, weil man sie eben einfach so für wichtig und notwendig hält.

  • #6

    Norbert Engelhardt (Dienstag, 14 April 2020 16:39)

    Eindrucksvoll verweist ein Leserbrief im Spiegel 15-2020 auf die bisherigen Finanzierungskonstruktionen des Gesundheitswesens, die sich auf einem breiten Konsens bei den (meisten) im Bundestag vertretenen Parteien stützen können.

    Leserbrief im Spiegel 15/2020 – Seite 128
    zu einem Interview mit Kevin Kühnert (SPD-Vorstand) im Spiegel 13/2020

    Herr Kühnert beklagt zu Recht, dass »Krankenhäuser geschlossen werden, weil sie keine schwarzen Zahlen schreiben«. Das ist in der Tat oft bedauerlich, entspricht jedoch den Spielregeln der freien Marktwirtschaft. Diese greifen zwangsläufig, wenn ein Krankenhaus nicht mehr in erster Linie Hort der Menschenliebe ist, sondern ein Unternehmen.

    Das allein »25 Jahren neoliberaler Beschallung« anzulasten greift zu kurz, vielmehr ist es der derzeitige Entwicklungsstand eines Prozesses. Ausgangspunkt war der »Lahnstein-Kompromiss« von 1992, der den Krankenhäusern erst den »Budgetdeckel« und später die Fallpauschalen einbrachte. Damit war der Weg in den freien Wettbewerb gebahnt, mit allen heute beklagten Auswüchsen.

    Für einen stellvertretenden SPD-Vorsitzenden wäre es ein Gebot der Redlichkeit, die Co-Patenschaft der SPD für diesen Prozess anzuerkennen, war doch dieser Kompromiss von Rudolf Dreßler –SPD-Urgestein – maßgeblich mitverhandelt und vertreten worden. Die Abgeordneten der Union sowie von SPD und FDP stimmten der Gesetzesvorlage damals mehrheitlich zu, sodass die initial dadurch herbeigeführte heutige Situation in der Tat »dem Willen des Volkes« entspricht.

    Prof. Dr. Jan-Peter Jantzen, Seelze (Nieders.)

TEMPI Gesellschaft für ganzheitliche Arbeitszeitberatung mbH

Karl-Hermann Böker

Hartlager Weg 61a

33604 Bielefeld


Fon: 05 21 - 45 36 18 1

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